Reisen eines Gambisten: Mit Musik und Tanz auf den Spuren von E. C. Hesse

Los Otros

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Hille Perl Viola da Gamba
Patrick Sepec Viola da Gamba
Lee Santana Theorbe, Laute
Steve Player Gitarre, Tanz

Reisen eines Gambisten

von Ilja Stephan

Ernst Christian Hesse scheint ein schlauer Mensch gewesen zu sein. Mit einer List, so will es die Musikerlegende, sicherte der Gambist sich die seinerzeit bestmögliche Ausbildung auf seinem Instrument. Von seinem Fürsten mit einem Stipendium für einen Aufenthalt in Paris versehen, studierte Hesse dort bei den führenden Meistern seines Fa­ches: Marin Marais und Antoine Forqueray – und das obwohl die beiden Herren erbit­terte Konkurrenten waren. Dem einen stellt Hesse sich als „Monsieur Hesse“ vor, beim anderen nannte er sich „Monsieur Sachs“. Das doppelte Spiel flog erst auf, als es zu ei­nem gemeinsamen Konzert der Schüler bei­der Lehrer kam – und Hesse entfernte sich anschließend zügig aus Paris.

Tatsächlich bildeten Marais und Forqueray nach Wesensart und Stil den größtmög­li­chen Gegensatz. – Als „Engel“ und „Teufel“ hat ein Zeitgenosse sie gar bezeichnet. Marais war die Verkörperung des französi­schen Stils, er selbst sah sich als Schüler Jean-Baptiste Lullys. Seine Stärke, so der Musikhis­toriker Friedrich Wilhelm Marpurg, lag „besonders in Ansehung des gefälligen und schmeichelhaften“. Forquerays Stärke dagegen habe „in Ansehung der Schwürig­keiten und des raschen und lebhaf­ten Spiels“ gelegen. Und der Cembalist Couperin attestierte dem auch menschlich ungestümen Forqueray eine „superbe, schwierige, aggressive, Willen und Kampf ausdrückende Kunst“. Hesse aber habe sich nicht „auf die Manier des einen oder ande­ren einschränken“ wollen, so Marpurg, also verband er das Beste aus beiden Welten.

Die Werke des heutigen Konzertes spiegeln diese Pole: Die noble Kunst eines Marin Marais ist vor allem durch eine typische Suite aus Tanzsätzen und zwei Charakterstücke vertreten; eine Ahnung von den „Schwürig­keiten“ in Forquerays Kunst bietet dessen ei­nem befreundeten Violinvirtuosen gewid­metes Stück La Leclair. Als Erinnerung an die besondere Rolle des Tanzes in der französi­schen Hofkunst steht außerdem ein Stück des Tanzmeisters Jacques Cordier auf dem Programm. Von Hesses eigenen Werken ist kaum etwas überliefert; sein Nachruhm gründet sich auf seine Rolle als Interpret und Bearbeiter. So dürfte auch die Gambenfas­sung von Corellis Sonate op. 10 Nr. 5 von Hesse stammen. Violinvirtuosität auf die in­timere Gambe zu übertragen, war eines der (bei Forqueray abgeguckten) Markenzei­chen des Interpreten Hesse.

Obwohl er fast sein ganzes Berufsleben lang an den Hof von Hessen-Darmstadt gebun­den blieb, hatte Hesse doch die Freiheit zu vielen Reisen. Auf dem Weg nach England lernte er in Hamburg Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel kennen; in Mantua traf er Vivaldi, bei dem er studierte; von da aus ging es über Venedig und Neapel nach Rom. In Wien konzertierte er vor dem Kai­ser. Und im Herbst 1719 traf er seinen alten Freund Händel in Dresden wieder. Trotz der Freundschaft zu Hesse ist Händels Œuvre für Gambe eher übersichtlich: Seine Sonate HWV 364a etwa ist eigentlich für Violine konzipiert. Durch den Zusatz „per la viola da gamba“ und einen Altschlüssel zauberte er daraus ein Werk für Gambe.

Telemanns Beziehung zur Gambe war schon enger; unter Umständen spielte er dieses In­strument sogar selbst. In jedem Fall wurde in Hamburg, wo Telemann als Director mu­sices amtierte, die Kunst des Gambenspiels besonders gepflegt. Zudem wirkte hier der Instrumentenbauer Joachim Tielke, dessen Werkstatt als letzte noch siebensaitige Gam­ben herstellte. So nimmt es nicht Wunder, dass Telemann in seinem „Getreuen Musik­meister“ dem Gambenspiel zwei Lektionen widmete.

In Erinnerung an Leni und John Honsaker

Das heutige Konzert widmen wir Leni und John Honsaker, der am 26. Juli 2024 verstorben ist. Leni Honsaker, geborene Grotefend, hatte John in Göttingen kennengelernt – und sich in ihn verliebt. Gemeinsam zogen sie in die USA und später nach Kanada, wo John bis zu seinem Tod in Edmonton lebte.

Beide blieben Göttingen bis zuletzt eng verbunden. Ich lernte Leni 2004 bei ihrem Besuch der Händel-Festspiele kennen, als sie noch in ihrem Elternhaus im Hainholzweg wohnte. Sie war ein herzensguter, treuer Mensch – und hielt den Festspielen bis zu ihrem Tod am 23. Januar 2017 die Treue.

Als Gründungsstifterin legte sie gemeinsam mit anderen den Grundstein für die Stiftung Internationale Händel-Festspiele Göttingen, die sie und ihr Mann auch ein wenig als ihr Kind ansahen. Leni und John und alle, die ihrem Beispiel gefolgt sind, ermöglichen es der Stiftung heute, Konzerte wie dieses zu fördern.

Genießen Sie die Konzerte während der Festspiele und erleben Sie die besondere Atmosphäre und Gemeinschaft, die beide so schätzten.

Stefan Lipski, Vorsitzender des Stiftungsrates

Mit freundlicher Unterstützung durch