Festspieloper Tamerlano Teil 1

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Überragendes Meisterwerk der Barockoper

Die Geschichte von Tamerlano und Bajazet sei so bekannt, dass er sich nicht die Mühe machen werde, sie dem Leser zu erzählen, schreibt Nicola Haym 1724 im Vorwort des Librettos zu Georg Friedrich Händels Oper Tamerlano HWV 18. Tatsächlich war der historische Stoff um den im Samarkand lebenden Militärführer Timur Lenk, italianisiert Tamerlano, und Bayezid I., den Sultan des Osmanischen Reichs mit italianisiertem Namen Bajazet, seit dem späten 16. Jahrhundert äußerst populär geworden. Christopher Marlowe hatte 1587 eine Tragödie für die Londoner Bühne verfasst, der im 17. Jahrhundert einige französische Werke sowie 1702 das in London sehr erfolgreiche Schauspiel Tamerlane von Nicholas Rowe nachfolgten. Die französische Fassung Tamerlan ou La Mort de Bajazet von Jacques Pradon aus dem Jahr 1675 erwies sich dabei als besonders erfolgreich und erlebte verschiedene Übersetzungen, darunter eine ins Italienische, die 1709 im Druck erschien und im Karneval desselben Jahres in Rom gespielt wurde. Es ist durchaus denkbar, dass Händel sich im Frühjahr 1709 noch in Rom aufhielt und dort von dem Schauspiel oder wenigstens dem Textdruck Kenntnis nahm.

Der historische Stoff ist nichts weniger als die Geschichte zweier Herrscher, die sich die Welt zu eigen machen wollten. Bajazet – sein Name bedeutet übersetzt „der Blitz“ – erweiterte das Territorium des Osmanischen Reiches sowohl durch Eroberungen wie auch durch dynastisch motivierte Heiraten bis nach Bulgarien im Nordwesten und Anatolien im Südosten. Er bereitete auch die Eroberung Konstantinopels, der Hauptstadt des oströmischen Reichs, vor und strebte weiter nach Osten. Dabei kam er allerdings Tamerlano – sein Name bedeutet übersetzt „Timur der Lahme“ in Anspielung auf sein von Geburt an gelähmtes rechtes Bein – in die Quere, der seinerseits seine Herrschaft über Transoxanien massiv ausweitete. Transoxanien umfasste bereits ein großes Gebiet in Zentralasien mit den Städten Buchara und Samarkand, durch die auch die historische Seidenstraße führte. Timur erweiterte dieses Reich um Territorien bis hin zum Kaspischen Meer und dem Kaukasus. Im ostanatolischen Hochland kollidierten nun die beiderseitigen Eroberungen. Am 20. Juli 1402 kam es zur Schlacht zwischen den von Tamerlano und Bajazet befehligten Armeen, in der die osmanischen Truppen eine verheerende Niederlage erlebten. Bajazet wurde gefangen genommen und starb einige Monate später in der anatolischen Stadt Akşehir.

Pradons Tragödie wurde in ihrer italienischen Übersetzung die Vorlage für ein überaus erfolgreiches Opernlibretto von Agostino Piovene. Dieses wurde erstmalig 1711 von Francesco Gasparini vertont, dem Kapellmeister des Ospedale della Pietà in Venedig. Bis 1810 sollten knapp 40 weitere Vertonungen dieses Librettos folgen, das dabei jedoch stets mehr oder weniger starke Überarbeitungen erfuhr. Auch Händel folgte Piovenes Libretto in einer veränderten Form; er verließ sich bei der Einrichtung auf das Geschick seines Librettisten Nicola Haym, mit dem ihn eine erfolgreiche Zusammenarbeit bei insgesamt neun Opern von Teseo HWV 9 aus dem Jahr 1713 bis hin zu Tolomeo HWV 25 im Jahr 1728 verband. Tamerlano entstand überwiegend im Juli 1724 und erlebte seine Premiere am 31. Oktober dieses Jahres im King’s Theatre am Haymarket. Wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung des Librettos hatte auch Francesco Borosini, der von Händel für diese Spielzeit verpflichtete Tenor, der fünf Jahre zuvor die Titelrolle in einer von Gasparini stark überarbeiteten Fassung der nunmehr Il Bajazet betitelten Oper in Reggio nell’Emilia gesungen hatte und nun in eben dieser Rolle in Händels Tamerlano vorgesehen war. Über Borosini erhielt Händel auch Einblick in die Partitur von Gasparinis Oper und nahm sie sich insbesondere für die Schlussszene zum Vorbild. Auch überarbeitete er bereits komponierte Teile noch einmal, nachdem er Gasparinis Oper studiert hatte.

Haym tilgte einige drastische Stellen, die er als historisch nicht zutreffend einstufte, aus der Vorlage seines Librettos. In der Konzentration der Handlung folgte er jedoch sorgfältig Pradons Tragödie und Piovenes Libretto, die in geradezu idealer Weise die Forderung nach der Einheit von Ort, Zeit und Handlung entsprechen. Die gesamte Oper spielt an einem Ort, nämlich Tamerlanos Palast in Prusa, der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs, und die auf der Bühne gespielte Zeit entspricht dem linearen Fortgang der Handlung, ohne zurück in die Vergangenheit oder nach vorne in die Zukunft zu springen. Im Zentrum stehen zwei Liebesgeschichten, die erst durch das tragische Ende, den Selbstmord Bajazets, ihren glücklichen Ausgang finden. Durchaus ungewöhnlich ist dabei, dass sich am Schluss der Oper jene zwei Paare finden, die schon am Anfang zueinandergehören. Tamerlano ist mit Irene, der Prinzessin von Trapezunt, verlobt, ohne diese jedoch jemals gesehen zu haben. Er verliebt sich in Asteria, Bajazets Tochter, die zusammen mit diesem in Tamerlanos Gefangenschaft geraten ist. Asteria allerdings liebt Tamerlanos Verbündeten Andronico, der diese Liebe auch erwidert. Tamerlano bietet Andronico den Thron von Byzanz zusammen mit der Hand Irenes an, wenn dieser im Gegenzug Asteria zur Hochzeit mit Tamerlano überredet. Tamerlano informiert Asteria über diese Pläne, woraufhin sie zustimmt, um sich so an Andronico für seine Untreue zu rächen. Irene, die mittlerweile am Hof eingetroffen ist, wird derweil von Andronico eingeweiht, will Tamerlano aber keinesfalls aufgeben. Andronico schlägt ihr vor, als Botin Irenes verkleidet zu Tamerlano zu gehen, um ihm zu drohen.

Tamerlano bereitet nun seine Hochzeit mit Asteria vor. Andronico trifft auf Asteria, die gerade zu Tamerlano gerufen wird und kündigt an, ihrer Entscheidung zur Heirat zu widersprechen. Bajazet erfährt von Andronico, dass Asteria in Tamerlanos Gemach eingetreten ist und drängt Andronico, ihr gemeinsam zu folgen, um die Thronbesteigung zu verhindern. Tatsächlich plant Asteria jedoch, Tamerlano zu töten. Als Bajazet wütend in den Thronsaal eintritt und beginnt, Asteria Vorwürfe zu machen, eröffnet ihm diese ihre Mordpläne, woraufhin Tamerlano Rache schwört.

In der Gefangenschaft im Palast beschließt Bajazet den gemeinsamen Selbstmord mit seiner Tochter mit einem Gift, das ihm noch geblieben ist. Tamerlano fordert Andronico auf, Asteria erneut zur Thronbesteigung zu holen, was dieser jedoch verweigert, weil er selbst Asteria liebt. Tamerlano ist wütend und befiehlt, dass Bajazet und Asteria als Sklaven an seiner Tafel dienen sollen. Bei dieser Gelegenheit reicht Asteria ihm einen Becher, in den sie das Gift geschüttet hat. Die Botin hat dies jedoch beobachtet, gibt sich als Irene zu erkennen und warnt Tamerlano. Asteria versucht nun selbst, das Gift zu trinken, wird jedoch von Andronico daran gehindert. Bajazet verlässt den Raum, um kurz darauf zurückzukehren: Er ist es, der sich letztendlich mit dem Gift selbst getötet hat und nun Tamerlano verwünscht. Dieses ist der tragische Höhepunkt der Handlung, der schließlich Tamerlanos Läuterung bewirkt. Er verzeiht Asteria und beschließt, Irene zu heiraten. Andronico erhält den versprochenen Thron, verbunden mit der Aufforderung, Asteria zu heiraten.

Händel brachte Tamerlano in der Spielzeit 1724/25 insgesamt zwölfmal auf die Bühne des King’s Theatre. Neben dem Tenor Borosini hatte er weitere erstrangige Solist:innen verpflichtet: Andrea Pacini sang den Tamerlano, Francesco Bernardi, genannt Senesino, übernahm die Rolle des Andronico, und als Asteria wirkte die gefeierte Francesca Cuzzoni mit, die zwischen 1723 und 1726 an der Seite Senesinos die weiblichen Hauptrollen in allen Opern Händels spielte. Die Zahl der Aufführungen in der Premierenspielzeit täuscht etwas darüber hinweg, dass Tamerlano kein großer Erfolg beim Publikum war. So brachte es die einzige Wiederaufnahme in der Spielzeit 1731/32 auch nur auf drei Aufführungen. Möglicherweise war Tamerlano zu ambitioniert, denn Händel bricht hier die stereotypen Muster der opera seria auf. So übertrifft die Tenorrolle des Bajazet im Hinblick auf die Bühnenpräsenz die beiden Kastratenpartien von Tamerlano und Andronico, und Bajazet ist es auch, dessen Sterbeszene den musikalisch äußerst reichhaltigen und dramatisch intensiven Höhepunkt der Oper ausmacht. Es gelingt Händel hier in herausragender Weise, so widersprüchliche Emotionen wie Liebe und Hass, Rache und Versöhnung in einer musikalischen Szene größter Dichte zu verschmelzen und damit Tamerlanos Läuterung glaubhaft erscheinen zu lassen. Überhaupt ist der Reichtum an expressiven Accompagnato-Rezitativen und Ariosi besonders im dritten Akt dieser Oper bemerkenswert, mit dem Händel den vielfältigen Verwicklungen der Handlung mit ihren drastischen Affekten in einer eindrücklichen Weise begegnet, die das einfache Muster von Secco-Rezitativen und da-capo-Arien nicht parat hält. Händel gelingt damit eine immens eindrückliche Charakterisierung der handelnden Personen, so dass man Tamerlano wohl mit Recht als eines der überragenden Meisterwerke der Barockoper bezeichnen kann.

Andreas Waczkat

Lawrence Zazzo
Countertenor | Tamerlano

Louise Kemény
Sopran | Asteria

Juan Sancho
Tenor | Bajazet

Yuriy Mynenko
Countertenor | Andronico

Dara Savinova
Mezzosopran | Irene

Sreten Manojlović
Bass-Bariton | Leone

FestspielOrchester Göttingen

George Petrou
Musikalische Leitung

Rosetta Cucchi
Regie

Tiziano Santi
Bühnenbild

Claudia Pernigotti
Kostüme

Ernst Schießl
Licht

Mit freundlicher Unterstützung durch